Jugend, Sex, Internet
Woher bekamen wir unsere Informationen zum Thema Sexualität? Da war die gute alte „BRAVO“ die erste Quelle und der berühmte Dr. Sommer erklärte uns Jugendlichen, was wir über erste Liebe und Sexualität im Allgemeinen wissen wollten und auch sollten. Es kam schon einmal vor, dass ein Klassenkamerad einen Playboy mit in die Schule brachte. Dieser war dann ein begehrtes Objekt, das heimlich weitergereicht und dessen Lektüre man sich am besten im stillen Kämmerlein widmete. Sie merken, der Schreiber dieser Zeilen verbrachte seine Jugend vor etlichen Jahrzehnten, in einer Zeit ohne Privat-TV, ohne Rund-um-die-Uhr Fernsehen und vor allem ohne Internet. Jugendliche lächeln heute mitleidig ob solcher Zustände, denn die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert.
Wenn Sie bei Google das Stichwort „Porno“ eingeben, erhalten sie gut 500 Millionen Einträge. Ein Großteil davon ist kostenlos und ohne Alterskontrolle für jeden, auch den 11 jährigen Internetnutzer, einsehbar und landet so ungefiltert im Kinderzimmer oder auf dem Handy. Sollte überhaupt eine Altersangabe verlangt werden, macht das Klicken auf die Frage: „Ich bin nach den Gesetzen meines Landes volljährig“ die Eingangstür auf für viele Seiten, die absolut nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind.
Der Autor beschreibt den Pornokonsum von Jugendlichen, bringt Reaktionen von verblüfften und ratlosen Eltern, die die „Erziehung“ ihrer Kinder entweder noch versuchen, bzw. schon aufgegeben haben. Er lässt auch Experten zu Wort kommen, die die Entwicklung von „alles halb so schlimm“ bis hin zu „wir steuern in eine Pornorisierung der Gesellschaft“ einschätzen. Gernert zeigt auf, wie gerade die Jugend- und Popkultur immer mehr sexualisiert wird, Nacktheit wird dabei zum Normalzustand. So präsentieren Stars in ihren Videoclips die ganze Bandbreite von Sexualpraktiken, Sadomaso inbegriffen. Als bekanntestes Beispiel mag der „Arschficksong“ von Sido dienen, den fast jeder Schüler auf 7ème mitsingen kann.
Was ist zu tun? Der Autor rät: Reden, reden, reden. Nur wer den Kontakt zu seinen Kindern sucht, sich dafür interessiert, in welcher Lebenswelt sich seine Kinder bewegen und was sie im www konsumieren, weiß Bescheid und kann mit ihnen ins Gespräch kommen. Nur der Vater, der mit seinem Sohn zusammen auf eine Pornoplattform geht, kann mit ihm darüber reden, was er dort sieht: Vermittelt diese Stellungsakrobatik Liebe? Ist dieses Frauenbild ok? Wahrlich ein hartes Stück Erziehungsarbeit, Medienkompetenz zu vermitteln. Es zahlt sich aber aus.
Gernerts Buch ist eine kenntnisreiche Situationsbeschreibung, ohne falsche Scham und ohne besserwisserische Pädagogik. Empfehlenswert für Interessierte und Eltern.
Helmut Häring