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ErwuesseBildung
Centre Convict - Eingang G
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Spiritueller Impuls

Spiritueller Impuls des Monats Juni 2016

Auf diesen Seiten finden Sie jeden Monat einen "spirituellen Impuls" mit Anregungen für ein bewusstes (Familien-)leben: Gedanken zum Leben in der Familie, zur  Wertevermittlung, Tipps für den Familienalltag und für Feiertage, Nachdenkliches über wichtige Etappen im Leben, den Umgang mit der Umwelt, Krankheit und Trauer, aktuellen Entwicklungen und einigem mehr. Die Texte werden auf unsere Anfrage hin von Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen verfasst: Familienvätern und -müttern, kirchlichen MitarbeiterInnen, MedienpädagogInnen sowie gesellschaftlich engagierten Personen.

Die Texte geben die Meinung der AutorInnen wieder, nicht unbedingt die der ErwuesseBildung. Die ErwuesseBildung stellt hiermit einen Rahmen zur Verfügung, in dem sich die Pluralität der verschiedenen Ansätze entfalten kann.

So ein Müll!

Ein ungewohntes Bild auf dem Spielplatz im Park: Während die anderen Kinder Fußball spielen, schaukeln und herumtoben, suchen zwei Jungen konzentriert den Boden und das Gebüsch ab. Sie haben keine Spielsachen bei sich, sondern tragen eine halbvolle Plastiktüte und Arbeitshandschuhe. Nils und Alexandre, beide 7 Jahre alt, gehen ihrem neuen Hobby nach: Müllsammeln!

Wie sind die beiden eigentlich auf so eine Beschäftigung gekommen? So genau wissen sie es selber nicht. Aber eines ist für sie sicher: Müllsammeln macht Spaß! Ihr Ehrgeiz, möglichst viele Abfälle zu finden und in die Mülleimer auf dem Spielplatz zu entsorgen, ist geweckt. Und was man da alles findet... !

Die beiden Freunde werden von ihren Eltern in ihrem neuen Hobby bestärkt, denn sie unterstützen alles, was das Verantwortungsgefühl und den Gemeinschaftssinn ihrer Kinder fördert. Die Reaktionen anderer Beobachter sind unterschiedlich und reichen von „Toll macht ihr das!“ bis zu „Geht doch lieber Fußball spielen und lasst das die Parkverwaltung machen!“.

Müllsammeln ist – so paradox es vielleicht klingt – eine schöne und sinnvolle Beschäftigung, die auch schon ganz kleinen Kindern Spaß macht. Unbemerkt lernen die Kinder dabei, Verantwortung für ihre Umwelt zu übernehmen, sich für vermeintlich „niedrige“ Tätigkeiten nicht zu schade zu sein und auch nicht auf Menschen, die solche Tätigkeiten beruflich verrichten, herabzuschauen.

Gehen Sie doch einmal mit Ihren Kindern im Wald, auf dem Spielplatz oder im Park auf die Suche! Wenn die Kinder Arbeits- oder Gummihandschuhe tragen, man sie hinterher eventuell auf Zecken absucht und ihnen sagt, dass sie Ekliges und Gefährliches wie z.B. Glasscherben liegenlassen sollen, kann nicht viel dabei passieren.

In manchen Gemeinden finden auch organisierte Müllsammelaktionen statt (z.B. dem „Fréijoersbotz “ in der Gemeinde Hesperingen), bei denen jede/r willkommen ist.

Handschuhe an – und los geht’s!

Waltraud Böing, ErwuesseBildung

 

Eindrücke von der letzten Müllsammelaktion in der Gemeinde Hesperingen:

http://www.hesperange.lu/photos/albums-photos-botzaktioun-2016

 

Bericht über einen „Dreck-Weg-Tag“ in der Region Trier:

http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trierland/aktuell/Heute-in-der-Zeitung-fuer-Trier-Land-Mit-Rainer-macht-Muell-sammeln-mehr-Spass;art8128,4166436

 

Spiritueller Impuls des Monats Mai 2016


Hast du Zeit?

In einem Buch von Dorothee Jacoby-Urban und Ern Jacoby (dialogging: bewegtes nach-innen-gehen, Norderstedt 2005, 112f.) findet sich ein auch 10 Jahre später bedenkenswerter Dialog zwischen Mutter und Kind:

„Mutter: Und was macht dir am meisten Angst?

Sohn: Die Zeit!

Mutter, erstaunt: Die Zeit? Wieso ausgerechnet die Zeit?

Sohn: Ja weißt du, die Zeit macht alles kaputt. Es gibt zu wenig davon. Ich habe zu wenig Zeit, die Hausaufgaben zu machen. Ich habe zu wenig Zeit zum Spielen oder um Freunde zu besuchen. Alles muss schnell gehen, davor habe ich Angst.“

Mütter und Väter geben ihren Kindern den Zeittakt an. Kinder spüren, ob wir Zeit haben oder uns Zeit nehmen, nicht nur für sie, sondern für das Leben und die Dinge des Lebens.Das Autorenpaar schlägt vor, angesichts dieses Dialogs der Zeit in die Augen zu schauen: Womit verbringen wir eigentlich unsere Lebenszeit?

Vor 10 Jahren war noch für 88 Prozent der europäischen Bevölkerung das Fernsehen die häufigste Freizeitbeschäftigung. An zweiter Stelle lag das Surfen im Internet. Heute dürfte dies wohl umgekehrt sein. Erst an dritter Stelle lag Sport im Freien.

Nun ist nicht entscheidend, wie Einzelne im Durchschnitt liegen. Vielmehr bleibt die Frage, ob es nicht andere wichtige Dinge gäbe, gerade mit Blick auf die Kinder, die Zeit sinnvoll erscheinen lassen? Es braucht gar nicht so viel. Mit Kinder nach draußen zu gehen, in die Natur, sich dafür Zeit zu nehmen, hat vielfältige Effekte: in Bewegung kommen, anderes sehen, z.B. das Grün der Wiesen und Bäume, auf andere Gedanken kommen, einfach nur da sein zu können, nichts leisten müssen, ruhig werden, aufmerksam zu sein für die kleinen Dinge am Wegrand, genau hinzuschauen, Abstand zum Alltagsstress zu bekommen. All das tut uns Menschen gut und es braucht eigentlich wenig Aufwand. Ein paar Schritte vor die Tür genügen schon. Und wenn das Wetter mal nicht so toll ist, lohnt es sich dennoch, die Jacke anzuziehen, den Regenschirm aufzuspannen und eine kleine Runde zu drehen. Es ist dann richtig angenehm, wieder ins wohlig warme Zuhause zu kommen – von der wertvollen gemeinsamen Zeit ganz zu schweigen.

Wo bleibt unsere kreative Lebenseinstellung? Ist Leben wirklich nur arbeiten und Internet? Begnügen wir uns damit schon?

Kreativität kann man nicht anschalten wie einen Computer, das ist klar, aber man kann sie fördern und provozieren, indem man sich selbst in Bewegung bringt. Ein paar Schritte vors Haus, in den nahen Park oder zu den Kühen auf der Weide bringt auf neue Ideen. Vielleicht nehmen Sie das nächste Mal den kleinen Zeichenblock mit und malen eine Blume am Wegrand ab, die dann bei der nächsten Geburtstagskarte Verwendung findet.

Probieren Sie es aus, und machen sie wenigstens ein oder zweimal die Woche die gemeinsame Zeit zu ihrem Freund. Es ist immer gemeinsame Lebenszeit, die nicht nur ihrem Kind die Angst vor der zu schnell verrinnenden Zeit nimmt. Und die Frage „Hast du Zeit?“ bekommt einen neuen Klang: „Ich habe Zeit für Dich und mich und die Natur und die Menschen um mich herum!“

Kinder, die sich Zeit von uns wünschen, helfen uns nicht nur die Zeit zu entschleunigen, sie lassen uns auch selbst wieder kreativer mit der Lebenszeit umgehen.

Wolfgang Fleckenstein, Luxembourg School of Religion and Society

 

Spiritueller Impuls des Monats April 2016

Schreckliche Bilderalt

Wir werden im Augenblick überschüttet mit schrecklichen Bildern. Von Flüchtlingen, die unter großen Gefahren ihr Haus und ihr Land verlassen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Schutz eines europäischen Aufnahmestaates. Wir sehen Bilder von Kindern, wie sie in den Pfützen der wilden und überfüllten Auffanglager spielen, an kleinen Feuern mit stinkendem Plastik versuchen, die feuchten Füßchen zu wärmen, wie sie mit großen Augen in einer Warteschlange voller Ungeduld auf ein Stück Brot warten. Diese Bilder flimmern tagtäglich in unsere Wohnzimmer.  Und während ich diese Zeilen schreibe, fluten neue grausame Bilder herein, von Ereignissen, die quasi nebenan passieren: die Anschläge in Brüssel vom 22. März.

Sollen wir unseren Kindern diese Bilder ersparen? Hieße das nicht, ihnen eine heile Welt vorzugaukeln? Und doch ist es wahrscheinlich der richtige Weg. Wenn Kinder mit Gewaltbildern konfrontiert werden, dann können diese bei ihnen Ängste auslösen, die sie nicht artikulieren können. Sie projizieren sie auf ihr eigenes Leben und werden stark verunsichert. Nach der Maslowschen Pyramide ist das Sicherheitsbedürfnis für Kinder ein sehr wichtiges Bedürfnis, das gleich nach den Grundbedürfnissen wie Essen, Trinken und Schlafen kommt. Wenn dieses Bedürfnis in der Kindheit unbefriedigt bleibt, dann können schwere Schäden im Leben eines Erwachsenen auftreten. Und wenn die Kinder doch unbeabsichtigt konfrontiert werden: Unbedingt versuchen, das Gesehene anzusprechen.

Auf der englischen Webseite „Quick and Dirty Tips“ stehen auch interessante Tipps, wie in verschiedenen Alterskategorien mit den Schreckensnachrichten umzugehen ist. Auch hier findet man an erster Stelle den Rat, zu vermeiden, dass Kleinkinder schlimme Bilder zu Gesicht bekommen.

Eine Möglichkeit, Kinder vor schrecklichen Bildern zu schützen und sie trotzdem kindgerecht zu informieren, sind Kindersendungen, die versuchen, alles, was auf der Welt passiert und wovon in den Nachrichten berichtet wird, kindgerecht aufzuarbeiten, beispielsweise im ZDF und Kika die Sendung Logo. Dort findet man zu vielen aktuellen Themen kindgerechte Berichte. Und trotzdem sollte man die Kinder sie sich nicht alleine anschauen lassen. Sie werfen nämlich weitere Fragen auf, die am besten von den Eltern selbst erklärt werden.

Ich wünsche einen schönen Frühlingsanfang, und dass wir uns nicht einschüchtern lassen von Gewalt und Hass.

Laure Simon-Becker, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

Spiritueller Impuls des Monats März 2016

"Am Osterhasenfest ist Jesus auferstanden"

Vor Kurzem erzählte mir eine gute Bekannte, dass ein Kind in einer Religionsprüfung die Frage: Was feiern wir an Ostern? mit dem Satz beantwortete: Am Osterhasenfest ist Jesus auferstanden.


Eine kuriose Antwort …

 

Ich denke, in unserer Zeit wird das Osterfest, das Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, für immer mehr Menschen zum Osterhasenfest. Die Auferstehung Jesu, das zentrale Ereignis unseres Glaubens, gerät oft in Vergessenheit. Wenn Weihnachten noch mit der Geburt Jesu in Verbindung gebracht wird - die Weihnachtskrippe, die in vielen Familien bis jetzt zum Fest gehört, trägt sicher das Ihre dazu bei - so hat Ostern für viele unserer Mitmenschen keine religiöse Bedeutung mehr. Dabei ist es für uns Christen das Fest schlechthin. Ohne Ostern, ohne die Auferstehung Jesu, wäre unser Glaube nutzlos wie der heilige Paulus in seinem ersten Brief an die Christen von Korinth schreibt: „Wenn Christus … nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos … " (1 Kor 15,17).

 

Dass der wahre Sinn von Ostern immer mehr in Vergessenheit gerät, kann und muss uns betroffen machen. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass immer seltener von der Auferstehung Jesu, dem Fundament unseres Glaubens, geredet wird.
Doch was können wir tun? Wie können wir den Glauben an die Auferstehung unseres Herrn und das ewige Leben, das allen verheißen ist, wieder ins Gespräch bringen?

  • Wir können in unseren Familien Geschichten erzählen vom werdenden „neuen“ Leben, vom Wiedererwachen der Natur im Frühling …


„Es waren einmal zwei Blumenzwiebeln: Osterglöckchen und Blausternchen. Sie lagen in der dunklen Erde und schliefen.
Eines Tages erwachte Blausternchen. Irgendetwas stimmte nicht … Die Erde, auf der es lag, bewegte sich … Blausternchen wusste nicht wieso und warum. Es schaute hinüber zu Osterglöckchen, das nicht weit von ihm entfernt friedlich schlummerte. „He, Osterglöckchen“, rief Blausternchen. „Wach auf! Hier stimmt etwas nicht …“ Osterglöckchen rieb sich die Augen und gähnte laut. „Keine Angst, Blausternchen“, sagte es, „es ist kein Erdbeben. Es ist nur Bauer Willy, der den Boden auflockert. Bald ist es so weit. Bald werden wir wachsen und blühen.“

„Wir werden wachsen und blühen? Das glaube ich nicht“, sagte Blausternchen. „Ich soll blühen …? Ich liege doch hier im Boden und bin wie tot.“ „Ja, schon“, sagte Osterglöckchen, „im Moment fühlt sich das so an. Doch wenn die Sonne wieder wärmer scheint, werden wir wachsen und blühen …“

Als Blausternchen einige Tage später erwachte, spürte es: Ich habe über Nacht eine kleine Mütze bekommen … Ich schaue aus der Erde heraus … Ein zartes Blättchen entfaltet sich.
Ebenso ging es Osterglöckchen. Auch aus ihm wuchsen kleine Blätter heraus … eins, zwei, drei … mit jedem Tag wurden es mehr. Und dann … guckte zwischen den Blättern ein Blümchen hervor … neues Leben war geworden …

  • Geschichten wie diese können uns dazu anregen, Knollen zu pflanzen und uns über das werdende Leben zu freuen … über das Leben, das ein Vorgeschmack des „neuen“ Lebens ist, das eines Tages auch auf uns wartet.

 

  • Wir können ein Buch anschauen wie z. B.

- Mein erstes Buch von Ostern von Cornelia Möres und Denitza Gruber,
Verlag Herder, Freiburg.

- Fastenzeit und Ostern den Kindern erklärt von Georg Schwikart und Silvia Möller, Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer.

- Durch das Jahr - durch das Leben: Das christliche Hausbuch für die Familie. Bearbeitet und durchgesehen von Peter Neysters und Karl Heinz Schmitt, Kösel-Verlag, München, 2. Auflage.

  • Wir können mit den Kindern eine Osterkrippe aufbauen. (Mehr Informationen zur Osterkrippe finden Sie im Internet. Seien Sie neugierig !)

 

Nur eines sollten wir nicht… zulassen, dass über den tiefen Sinn von Ostern immer seltener geredet wird.

 

Die Auferstehung Jesu wieder ins Gespräch bringen - in unserer Familie, unserem Freundes- und Bekanntenkreis - ist sicherlich kein leichtes Unterfangen. Doch nur so kann aus dem Osterhasenfest wieder das Osterfest, das Fest der Auferstehung Jesu Christi werden. Alleluja !

 

 

Jacqueline Schwachtgen
Referentin für Kleinkinderpastoral
in der Erzdiözese Luxembur
g

 

Spiritueller Impuls des Monats Februar 2016

Karneval und Theaterkunst

Im Februar bricht wieder der Karneval aus: ganz besonders im Rheinland, und zwar in den Hochburgen Köln und Düsseldorf. Aber auch hier in Luxemburg sind dann Jecken unterwegs. Als jemand, der in Köln aufgewachsen ist, bekenne ich: Jeder Mensch muss einmal im Leben den Rosenmontagszug erlebt haben. Fernsehbildschirme geben nur einen schwachen Eindruck von der Atmosphäre wieder, die da in der Luft liegt. Ich erinnere mich gerne daran:

Aus allen Himmelsrichtungen strömen Menschen nach Köln herbei. Schon die Morgenluft vibriert in den Straßenschluchten von Köln vor freudiger Erwartung. Hier und da hallen durch die Fußgängerzonen rhythmische Trommelschläge als Vorboten des Karnevalszugs. Familien, Freundesgruppen, Singles, Jung und Alt, Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft verteilen sich bereits zu früher Stunde an den besten Plätzen, um nichts zu verpassen. Die Straßenzüge werden immer bunter und munterer von den vielen Narren. Und endlich! Da kommt er:De Zoch kütt“, heißt es so schön auf Kölsch. Die Hufe von mächtigen Pferden knallen auf das Pflaster. Prachtvolle Tiere mit gewellter Mähne, hochgerecktem Haupt, gezügelt durch die Polizisten, die stolz auf ihnen reiten, bilden die Spitze des Zuges. Diese ganze Szenerie wird begleitet von den Trommeln, Querflöten, Triangeln, Trompeten und Posaunen der ersten Musikapelle, die quasi den Takt für den Schritt der Pferde angeben. Und das ist erst der Anfang! Sechs Stunden lang zieht eine Gruppe nach der anderen an uns vorbei, tanzend, musizierend, singend, "Kamelle" werfend und in unendlicher Vielfalt der Kostüme verkleidet. Elektrisierend sind die vielen Sambagruppen, die die Straße in einen Tanzboden verwandeln. Wer in diese Welt eintaucht, kann sich kaum ihrem Zauber entziehen. Die ganze Welt hat sich in eine Bühne verwandelt, auf der alle ausgelassen feiern und es genießen, mal in eine andere Haut zu schlüpfen.

altShakespeare hätte sicher seine Freude daran und würde sich vielleicht zu der Meinung versteigen: Der Mensch ist nur da wahrer Mensch, wo er mal eine andere Rolle spielen darf!

Ist denn nicht in gewisser Weise die ganze Welt zu einer Bühne geworden, und zwar durch die Allgegenwart von Kameras und Filmen, die uns auf unzähligen Bildschirmen entgegen flimmern? Und ist es nicht für immer mehr Menschen ein besonderer Reiz, im Rampenlicht zu stehen, und sei es nur auf Facebook oder Youtube? Ohne das jetzt zu gründlich zu analysieren, habe ich persönlich den Eindruck gewonnen, dass „auf den Brettern, die die Welt bedeuten“, Menschen sich derart verwandeln können, dass sie sogar dadurch an Selbstvertrauen gewinnen und mehr aus sich herausgehen als im sogenannten Alltag.

Jahrelang habe ich als Pfarrer mit Kindern und Jugendlichen zu tun gehabt und war immer darüber erstaunt, welche Wirkung es auf sie ausübt, sich zu verkleiden und eine besondere Rolle spielen zu dürfen, am besten natürlich ihre Lieblingsrolle. Als hätte sie jemand mit dem Zauberstab berührt, waren sie nicht mehr Markus, Tanja, Nathalie oder Sabine, sondern der mutige König David, der Riese Goliath, der grausame König Herodes oder ein weiser Sterndeuter aus dem Osten. Hier geschah ein Wunder der Verwandlung. Lässt sich das erklären? Darüber ist schon viel geschrieben worden. Ich für mein Teil nahm wahr, dass Rollenspiele Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten geben, Seiten an sich zu entdecken und auszudrücken, die im Alltag keinen Raum haben.

Bei einem Filmprojekt in Esch/Alzette mit Jugendlichen nahm ich nicht nur die Lust am Schauspielern wahr, sondern auch, wie die eine oder der andere an Selbstvertrauen gewann, indem sie sich auf bestimmte Rollen einließen. Unvergesslich, wie ein 13-jähriges Mädchen eine wütende Ehefrau spielte, die sich darüber aufregte, dass ihr Mann den Hochzeitstag vergessen hatte. Da flogen echt die Fetzen. Unvergesslich auch, wie ein Jugendlicher in seinen schwarzen Lederklamotten einen „finsteren Typen aus der Unterwelt“ darstellte.

Wir Erwachsenen tragen sicher alle eine Erinnerung daran, wie sehr es unsere Kindheit oder Jugend bereichert hat, aus dem Alltag ein kleines Theater zu machen, angefangen vielleicht mit Stofftieren, Puppen – z.B. vom Kasperletheater – bis wir dann uns selbst verwandelt haben in Tiere, in unsere Eltern oder in Gestalten aus Märchen. Zudem gibt es kaum eine Schule, die nicht wenigstens ein Theaterprojekt durchführt. Schauspielkunst – im Kleinen oder Großen – hat wohl Menschen aller Zeiten fasziniert. Spielerisch weckt sie Kreativität und Phantasie und gibt jedem Menschen den Raum – also die Bühne – um sich vor anderen darzustellen, und das mit allen Sinnen. So entpuppt sich das Theaterspiel auch als Schule des Selbstbewusstseins.

Es lohnt sich, Kinder und Jugendliche vom „Filmkonsum“ wegzulocken, damit sie selber zu Erfindern oder Darstellern einer Geschichte werden. Warum nicht sogar in einem weiteren Schritt einen Film daraus machen, der dann im Bekannten- und Freundeskreis zu einem besonderen abendlichen Event werden kann. 

Übrigens: Dieses Jahr wird der 400. Todestag von Shakespeare gefeiert. Noch heute entführen seine Dramen und Komödien uns Zuschauer in andere Welten, die wie ein geheimnisvoller Spiegel das breite Spektrum des menschlichen Lebens mit seinen Höhen und Tiefen wiedergeben. Shakespeare würde sicher auch heute noch jedem Zeitgenossen raten, mal selber von der Schauspielerei zu kosten, weil er eines begriffen hat: Unser Leben braucht Magie.

Ingo Hanke


Anregungen: 

Angelika Albrecht-Schaffer: Theaterwerkstatt für Kinder: 100 und eine Idee rund ums Theaterspielen, 184 S., ISBN 9783769815481

Sybille Günther: Vorhang auf, drauflos gespielt! Das Handbuch zum Darstellenden Spiel für Kinder von 4 bis 10, 120 S., ISBN 9783867022217

Peter Thiesen: Drauflosspieltheater: Ein Spiel- und Ideenbuch für Kinder- und Jugendgruppen, Schule und Familie, 200 S., ISBN 9783407859785


Diese Bücher können Sie bei uns bestellen: Tel. 44743-340. Ein Anruf genügt.

 


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