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Ausführliches Interview mit Pfarrer Leo Wagener
(gekürzte Fassung im Bulletin 06/10, S.7)

"Für mich ist es eine echte Herausforderung, jeden immer neu ernst zu nehmen"

Interview mit Pfarrer Leo Wagener
zu seinen Erfahrungen mit obdachlosen Menschen

Hatten Sie schon näheren Kontakt mit Obdachlosen, bevor Sie Pfarrer in Bonneweg wurden?

Nein. Wohl kamen ab und zu einige Menschen mit finanziellen Problemen zu mir nach Steinbrücken, meiner vorherigen Pfarrstelle. Das waren aber keine Obdachlosen.

Stimmt es, dass die Beichtstühle in der Kirche von Bonneweg von den Obdachlosen als Toilette benutzt wurden? Und wenn ja, wie haben Sie reagiert, als Sie das zum ersten Mal "hautnah" miterlebt haben?

Nicht die Beichtstühle werden als Toilette benutzt, wohl aber die immer frei zugängliche Fatimakapelle. Bis zum Einbau eines Glaswindfangs, der den Zutritt für Besucher außerhalb der Gottesdienste auf die Muttergotteskapelle beschränkt, fanden sich dann und wann Exkremente in verschiedenen Ecken der Kirche. Als ich das zum ersten Mal sah, war ich total schockiert. Mehrmals habe ich selbst die Notdurft entfernt. Widerlich! Wir haben sogar die Notdurft fotografiert und sind mit den Bildern in die Presse gegangen, um die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen. Seit einiger Zeit hat sich die Lage gebessert. Allerdings wird der Zugang zu meiner Wagengarage in direkter Nähe zur Kirche völlig normal als Toilette benutzt …

Die Gemeinde der Obdachlosen feiert von Zeit zu Zeit Gottesdienste in Bonneweg. Wie kam es dazu? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede stellen Sie bei diesen Treffen fest im Vergleich zu den Gottesdiensten, die Sie mit der angestammten Kirchengemeinde feiern?

Wir haben eine jährliche Gedenkfeier für verstorbene Obdachlose in der Krypta der Kirche mit anschließendem Kaffee und Kuchen. Die Idee dazu kam von einem langjährigen Helfer der Pfarrei. Als ein Obdachloser in einer Telefonzelle in unmittelbarer Nähe der Kirche tot aufgefunden wurde, war die Bestürzung in der Szene der Drogenabhängigen und Obdachlosen groß. Das bekamen wir mit. Der Helfer schlug mir vor, einen Gottesdienst für den Verstorbenen zu halten. Er meinte, das könnte auch die Einstellung verschiedener Bettler zur Kirche verbessern. Dann hätten wir vielleicht weniger Probleme mit Vandalismus und Verschmutzung. Ich ging auf den Vorschlag ein, übrigens nicht nur aus Sorge um die Sauberkeit der Kirche (schmunzelt), und stellte Kontakte mit dem "Foyer Ulysse" und der "Stëmm vun der Strooss" her. Die Idee fand Anklang und seit vier Jahren haben wir diesen jährlichen Wortgottesdienst. Ein Vergleich mit einer normalen Messfeier kann nicht gemacht werden. In der Gedenkfeier kommen Symbole mit Bezug zum Leben auf der Straße vor, Betroffene ergreifen das Wort, die vorgetragenen Texte sind nicht alle Gebete oder Schriftstellen aus der Bibel. Es wird viel Wert auf Atmosphäre u. a. durch Musik und Lieder gelegt. Mittlerweile kommen auch Leute aus anderen Pfarreien in den Gottesdienst, um ihre Solidarität zu bekunden. Es gibt aber auch Gemeindemitglieder, die kein Verständnis für diese Feier haben.

Haben Sie den Eindruck, dass Obdachlose ganz gezielt Kontakt zu Ihnen als Priester aufnehmen? Und wenn ja, gibt es Ihrer Meinung nach etwas, das die Obdachlosen bei Ihnen zu finden hoffen, was sie nicht in den professionellen Auffangstrukturen bekommen können?

Ich sage ganz nüchtern, dass in den allermeisten Fällen die Hauptmotivation zu mir zu kommen, die Aussicht auf Bargeld, Essenbons und Einkaufsscheine ist. Ich habe den Vorteil gegenüber professionellen Strukturen, dass ich auch außerhalb der regulären Arbeitsstunden und auch am Wochenende erreichbar bin. Es kommt durchaus vor, dass der Erste bei mir um 6.15 Uhr klingelt und der Letzte abends um 23.00 Uhr. Dank der "Sozialéquipe" unserer Pfarrei verfüge ich über Hilfsmöglichkeiten, die unbürokratisch und unmittelbar zur Verfügung stehen. Es passiert aber auch, dass ich in meiner Funktion als Seelsorger gebraucht werde. "Ich will kein Geld, ich will, dass sie mir zuhören!", sagte mir noch vor kurzem ein verzweifelter Jugendlicher. Ein Obdachloser kommt sogar regelmäßig zu mir, um seine Sicht von der Welt los zu werden. Almosen interessieren ihn nicht.

Gibt es etwas, das Sie von den Obdachlosen lernen konnten?

Hartnäckigkeit im Sinne von Ausdauer.

Gibt es bei den Obdachlosen, denen Sie begegnen, menschliche Schicksale, die Sie ganz besonders betroffen haben oder haben Sie den Eindruck, dass Sie immer wieder die gleichen Geschichten hören?

Jede Geschichte ist anders, manche sind sehr dramatisch. Betroffen machen mich jugendliche Obdachlose und Drogenabhängige, die körperlich und seelisch völlig kaputt sind. Leider gibt es in vielen Geschichten Konstanten: zerrüttete Familienverhältnisse, frühe Gewalterfahrungen, schulisches Versagen …

Haben Sie den Eindruck dass diese Menschen ehrlich sind, zu sich selbst, und zu Ihnen oder könnten sie es gar nicht verkraften, sich ihr Schicksal ohne Beschönigungen vor Augen zu führen?

Lüge und Wahrheit sind nicht immer leicht auseinander zu halten. Die vorgeschobenen Gründe, wieso ich ihnen Geld geben soll, lassen sich in vielen Fällen als haltlos entlarven. Das gängige Thema lautet: „Ich bin unschuldig an meiner Lage, die Gesellschaft ist schuld!“ Diese verkürzte Sicht und Selbstrechtfertigung ist - wie sie in ihrer Frage andeuten - selbst Teil des Problems dieser Menschen. Andererseits sind die Bittsteller sehr realitätsnah und überzeugend, wenn es um die Schilderung ihrer persönlichen Tragödien (Gewalterfahrung, Scheidung, Leben auf der Strasse usw.) geht. Für mich ist es eine echte Herausforderung, jeden immer neu ernst zu nehmen, gerade auf dem Hintergrund, dass ich auch schon „auf Geschichten hereingefallen bin“.

Gibt es für Sie als Priester eine besondere theologische Herausforderung angesichts von Obdachlosigkeit?

Das Evangelium keinen toten Buchstaben sein zu lassen.

Könnten Sie einen Rat geben, wie man sich Ihrer Meinung nach verhalten sollte, wenn man einem obdachlosen Bettler auf dem Bürgersteig begegnet?

Jeder findet eine Antwort auf diese Frage, wenn er seinen Verstand und sein Herz einsetzt.

Die Fragen stellten für die ErwuesseBildung Wolfgang Fleckenstein und Michèle Scholer

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